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„Unterricht mit den Augen der Lernenden sehen!“

Es ist bereits eine gute Tradition: Das Ausbilderkollegium aller Lehramtsseminare am ZfsL Duisburg trifft sich einmal jährlich zu einer gemeinsamen Fortbildung. In diesem Jahr standen im Rahmen einer ganztägigen Veranstaltung am 08. Juni die Befunde des neuseeländischen Bildungsforschers John Hattie auf dem Programm, der mit seiner Metastudie unter dem sprechenden Titel „Visible Learning“ international Furore gemacht hat. Ulrich Steffens, Erziehungswissenschaftler aus Wiesbaden und in Hessen über viele Jahre zuständig für Fragen der Schulqualität, gab als Referent mit überzeugender Expertise zunächst einen Einblick in wesentliche Ergebnisse der Forschungen Hatties. Nebenbei räumte er dabei mit vielen Missverständnissen auf, die die Hattie-Studie in der öffentlichen Rezeption erfahren hat, und sorgte so für manches Aha-Erlebnis.

Dass reformpädagogische Unterrichtsansätze vergleichsweise wirkungslos für das Lernen seien, die Klassenstärke keinen lernwirksamen Effekt habe oder Schulstrukturfragen unsinnig seien, sind nur einige der populär gewordenen scheinbaren Befunde Hatties, die in den letzten Jahren als Munition in bildungspolitischen Richtungskämpfen dankbare Verwendung fanden. Mit Sachverstand betrachtet besagten die entsprechenden Ergebnisse Hatties jedoch eher das Gegenteil. Vorsicht also bei allzu schnellen bildungspolitischen Schlussfolgerungen aus Ergebnissen der Schulforschung, so Steffens.

Für die Zwecke der Lehrerausbildung gab es hingegen eine Vielzahl von hilfreichen Hinweisen. Hattie formuliert die zentrale Erkenntnis aus seiner Lernwirksamkeitsforschung in einer einprägsamen Kurzformel: „What teachers do matters“, entscheidend für den Lernerfolg von Schülerinnen und Schülern ist das professionelle Handeln der Lehrkräfte. Was also sollen Lehrerinnen und Lehrer tun?

Dass eine gute Klassenführung, hohe kognitive Aktivierung der Schülerinnen und Schüler, kooperatives Lernen und evaluative Vorgehensweisen hohe Effektstärken in Bezug auf das Lernen aufweisen, stimmt mit den Erkenntnissen der deutschsprachigen Forschung überein, an der sich die Ausbildungspraxis am ZfsL Duisburg bislang im Schwerpunkt orientiert hat. Impulse für eine gezieltere Ausrichtung der Ausbildung gaben dann die zusammenfassenden Schlussfolgerungen des Referenten in Bezug auf weitere Befunde Hatties: „Kenne deinen Einfluss“ - weil Referendarinnen und Referendare typischerweise eher mit der Optimierung ihres Lernangebotes beschäftigt sind, erscheint es wesentlich, dass sie lernen sich vordringlich für die Wirksamkeit, d.h. die faktische Nutzung dieses Angebotes zu interessieren. Neben dieser Wirkungsorientierung sollten zwei weitere Faktoren die pädagogische Grundeinstellung von werdenden Lehrkräften prägen: aktive Fürsorge für das Lernklima sowie ein pädagogisches Ethos, das Fehler, Kritik und Feedback als notwendige Voraussetzungen des Lernens wertschätzt. Zusammengefasst: Lehrkräfte sollten nicht nur über ein tiefes Verstehen der Sache, fachliche Kompetenz also verfügen, sondern ebenso sehr über ein tiefes Verstehen der Lernenden. Erfolgreiche Lehrer können sie demnach sein, wenn sie gelernt haben, „Unterricht mit den Augen der Lernenden zu sehen“. - In lehramtsgemischten Arbeitsgruppen wurden diese Impulse am Nachmittag von den Fachleiterinnen und Fachleitern ausführlich diskutiert und entsprechende Konsequenzen für die Arbeit in den Fach- und Kernseminaren erwogen.

Zum Schluss gab der Referent dem Kollegium noch bedenkenswerte Hinweise aus seiner langjährigen Erfahrung in der Begleitung von Reformprozessen im Bildungswesen mit auf den Weg. Erfolgversprechend sei ausschließlich dialogische Bildungsplanung, die den Kontakt mit der Praxis nicht nur zu Alibizwecken sucht. Ministerien seien bundesweit gut darin, verpflichtende Bedingungen für die Akteure von Reformen zu formulieren - sie täten aber gut daran, gleichzeitig auch für die ermöglichenden Bedingungen zu sorgen. Steffens benannte drei aus seiner Sicht wesentliche Aspekte: eine wertschätzende Haltung dem Neuen gegenüber, Kompetenzen in der Sache sowie hinreichende Ressourcen, was faktisch auf ein ausreichendes Zeitkontingent für alle Beteiligten hinauslaufe. - Das versammelte Ausbilderkollegium, derzeit mit den Anforderungen der Umsetzung eines inklusiven Schulwesens in NRW konfrontiert, konnte diesem Resümee nur von Herzen zustimmen.

Hattie1   Hattie2

Insgesamt, so der Tenor der Rückmeldungen, bot dieser Fortbildungstag eine gelungene Mischung aus Informationen, Anregungen und intensiven Diskussionen, die das gemeinsame Anliegen der Ausbilder aller Lehrämter am ZfsL Duisburg in den Fokus rückte: Lehrerausbildung mit den Augen der Referendarinnen und Referendare zu sehen, damit Ausbildung gelingt.

Andreas Jansen, Fachleiter am Seminar Gy/Ge

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